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 The Sworddancer

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Graf Tarajan
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BeitragThema: The Sworddancer   Mo Feb 18, 2013 9:28 pm

The Sworddancer

Langsam lichtete sich der Nebel und man konnte vage eine Gestalt erkennen, die schon so früh am Morgen durch den Tannenhain strich. Es war Shard, ein Schwertkämpfer aus Abadon, der auf dem Weg in die nächste Stadt war. Er blieb noch einmal stehen und sah sich um. Sein schwermütiger Blick glitt über die Häuser seiner ehemaligen Niederlassung, auf die mittlerweile die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schienen. Nein, gerne verließ er seine Heimatstadt sicher nicht. Es blieb ihm nur leider keine andere Wahl. Der Graf unter dessen Herrschaft Abadon stand hatte immer höhere Abgaben gefordert, die Shard schließlich nicht mehr bezahlen konnte. Wie denn auch. Sein einziges Talent war das Schwertkämpfen. Ja, darin war er gut! Sein Vater hatte immer gesagt, aus ihm würde einmal ein guter Schwertkämpfer werden. Auch konnte er gut auf der Mandoline spielen, die ihm sein Vater geschenkt hatte. Durch sie hatte er eine Anstellung bei Hofe als Barde bekommen. Doch seit er seine Stelle dort wieder verloren hatte, als ihm unversehens während eines großen Festes eine Saite gerissen war, verdiente er als Straßenmusikant nicht mehr genug um seine Steuern bezahlen zu können.

Nun war er also auf dem Weg in die nächste Stadt, um dort sein Glück zu versuchen. Auf der Flucht vor den Steuereintreibern des Grafen.
Derryl, so hieß dieser, machte sich in seiner Grafschaft wahrlich nicht nur Freunde. Fast alle dort ansässigen Bürger hassten ihn wegen seiner Hinterhältigkeit und Raffgier. Mit einem letzten sehnsüchtigen Seufzer verabschiedete er sich nun von der Stadt in der er groß geworden war, kehrte ihr den Rücken und betrat schweren Herzens das Dickicht des Waldes, der Abadon von Genova trennte.
Genova lag etwas südlich von Abadon und auch außerhalb des Einflussgebietes von Graf Derryl. Es unterstand einer Grafschaft, von der Shard bisher nur Gutes gehört hatte. Der dort ansässige Graf sollte angeblich klug, stark und gerecht sein. Alles in allem also genau das Gegenteil von Graf Derryl. Während Shard sich durch das Dickicht des Waldes kämpfte, dachte er noch einmal zurück an seinen Vater, der nun wahrscheinlich große Probleme mit den Steuereintreibern bekommen würde. Gut, es war schließlich ja auch seine Idee gewesen, Shard in das benachbarte Genova zu schicken, damit er nicht wegen seiner Steuerschulden ein Leben als Gefangener oder Zwangsarbeiter fristen musste. Aber unwohl war ihm nun doch bei dem Gedanken, wie der Graf wohl reagieren würde sobald er erkannte, dass Shard geflohen war. Nicht, dass er der Einzige wäre! Ha! So viele wie sich in den letzten Tagen schon dem Zugriff seiner Steuereintreiber entzogen hatten, würde es wohl noch lange dauern, bis sie feststellten, dass auch er weg war.
Ganz in Gedanken erreichte er eine kleine Lichtung. Als er sie gerade überqueren wollte, hörte er plötzlich ein Rascheln im Busch hinter sich. Erschrocken fuhr er herum und musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass sich aus eben Diesem gerade drei Räuber erhoben hatten, und sich nun vor ihm aufbauten. “Oh, was haben wir denn da?”, fragte der breitschultrige Riese, der in der Mitte stand, und den Shard unschwer als ihren Anführer erkannte. “Ein Reisender so früh am Morgen? Und dazu noch allein in einem so gefährlichen Wald?”, fragte er. Shard gefiel weder das breite, fiese Grinsen des Anführers noch das seiner Kumpane. “Hey, Jungs! Was haltet ihr davon, wenn wir dem Hänfling helfen, seine Wertgegenstände zu tragen? Sonst werden sie am Ende noch gestohlen!” Shard betete, dass das brüllende Lachen der drei von irgendwem gehört wurde. Schlagartig erlosch nun aber das Grinsen auf dem Gesicht des Anführers. “So. Und jetzt her mit der Kohle, bevor ich sauer werde!”, machte dieser unmissverständlich klar und kam mit gezücktem Schwert langsam auf Shard zu.
"Her mit der Kohle! Na? Wird's bald?" Der Anführer wurde sichtlich ungehalten. Shard wich zurück. Er war zwar ein guter Schwertkämpfer, aber die drei sahen auch nicht so aus, als wäre das ihr erster Raubzug. Einen von ihnen hätte er sicher niedergestreckt, aber dann hätten ihm die anderen beiden sicher den Gar ausgemacht. Was sollte er nur tun? Er würde seine Haut so teuer wie möglich verkaufen, soviel stand fest.
"Ihr nervt." Zum ersten Mal äußerte sich Shard zu der Angelegenheit. Waren es nun seine harschen Worte oder die geschickte Bewegung mit der er gleichzeitig sein Schwert zog, die die Räuber zurückschrecken ließ?
Jedenfalls hatten sich die Wegelagerer schnell wieder gefangen und machten nun unmissverständlich klar, dass Shard dies mit seinem Leben bezahlen sollte. Doch als sie gerade dabei waren auf ihn loszustürmen, um ihn einen Kopf kürzer zu machen, ertönte eine Stimme hinter ihnen: "Hey, ihr fiesen Räuber! Lasst den armen Bettler da in Ruhe!"
Während Shard sich fragte, wer da wohl gemeint sein könnte und die Räuber große Augen machten, da sie diese Stimme etwas aus dem Konzept gebracht hatte, tauchte hinter ihnen aus dem Dunkel des Waldes ein zierliches Mädchen auf.
"Ihr habt kein Recht, ihm seine Sachen wegzunehmen und wenn ihr das versucht, dann... (Sailormoonpose) ...werde ich euch bestrafen!"
Shard überlegte gerade noch, ob er nicht einfach die Beine unter den Arm nehmen sollte, aber da gerade die wütende Räubermeute auf das Mädchen zustürmte, und er seiner Lebensretterin einen Gefallen schuldete, rannte er mit gezücktem Schwert hinter den Räubern her.
Das war sein Fehler. Das Mädchen hatte nämlich gemerkt, dass sie in Gefahr war und anscheinend einen Zauberspruch gemurmelt. In ihrer Hand blitzte es auf. Sekunden später schoss ein gleißender Blitz auf die Räuber zu. Die hatten ihn aber rechtzeitig bemerkt und duckten sich unter dem Licht hinweg. Das war gut für die Räuber. Aber schlecht für Shard! Denn da er genau hinter den Räubern war, hielt der Blitz nun direkt auf ihn zu! Reflexartig riss er sein Schwert hoch. Der Blitz prallte ab und wurde zurückgeschleudert. Die Räuber, noch immer geduckt, sahen das gleißende Licht nun zum zweiten Mal über sich hinwegzischen. Das Licht fand sein Ziel in seinem Ursprungsort und das Mädchen kippte um.
Die Räuber erkannten nun ihre Chance und griffen wieder Shard an, da das Mädchen nun keine Bedrohung mehr für sie darstellte. Ein erbitterter Kampf entbrannte und Shard hatte alle Hände voll zu tun, die Schwerthiebe der drei abzuwehren. Während sie kämpften, fuhr auf einmal eine schwarze Kutsche an der Lichtung vorbei. Shard brüllte, als er die Kutsche sah, irgendjemand möchte ihm doch helfen, doch die Kutsche hielt nicht an. Mit dem Mut der Verzweiflung sprang er schwertschwingend über einen der Räuber und hechtete armerudernd der Kutsche hinterher.
Zu seiner Überraschung hielt die Kutsche auf einmal an. Eine Tür öffnete sich und ein junger, schlanker Mann sprang, in einen schwarzen Umhang gehüllt aus der Kutsche. In seiner Hand blitzte ein Kurzschwert.
"Hier her!", rief dieser und Shard legte nochmal einen Zahn zu und erreicht mit letzter Kraft die Kutsche. Diese nun im Rücken habend kämpften die zwei Seite an Seite gegen das Räubertrio. Es dauerte nicht lang, da merkten die Räuber, dass sie gegen zwei Schwertkämpfer dieser Sorte keine Chance hatten und suchten das Weite.
Völlig außer Atem, wollte sich Shard bei seinem Retter bedanken, als ihm das Mädchen einfiel. Kurzerhand und ohne viele Erklärungen packte er seinen Retter am Arm und zog ihn mit zu der Stelle, wo das Mädchen aufgetaucht war. Hoffentlich hatten die Räuber nicht vor, ihr etwas zu tun. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.
Ganz außer Atem kamen sie an der Stelle an, an der das kleine Mädchen wie ein Stein umgefallen war. Sie brauchten nicht lange zu suchen, da entdeckten sie sie hinter einem Felsen liegend. "Au weia", meinte der schwarzgekleidete Fremde. "Das sieht nach einem Versteinerungszauber aus. So ein Glück, ich kenne jemand der ihr helfen kann. Komm, fass mal mit an!" Doch Shard blieb regungslos stehen.
Als der Fremde sich hinunter gebeugt hatte, um das Mädchen hochzuheben, hatte er einen kurzen Blick auf die Gürtelschnalle des Fremden erhascht. Unverkennbar war dies das Zeichen einer Grafschaft!
Nun hieß es auf der Hut sein, denn wenn dies ein Steuereintreiber Derryl's war, musste er schnell die Flucht ergreifen! "Hey,..." meinte Shard.
"Hm?" "Sag mal, wir haben uns ja noch gar nicht vorgestellt..."
Der Fremde zuckte zusammen. "Ach, habe ich das nicht? Ja, ist das denn gerade jetzt so wichtig?", fragte er Shard. "Also mir ist es persönlich äußerst wichtig!", legte ihm Shard dar. Der Fremde seufzte.
"Na gut. Ich bin Graf Kris. Und wie heißt du?"
Shard war übel. Er musste sich setzen.
Die Worte, die seinen Mund verließen machten keinen Sinn. Als er das merkte, schloss er ihn wieder. Dann öffnete er ihn wieder und brabbelte:
"Oh, Mann, das is nich dein Ernst, oder? DU bist Graf Kris? DER Graf Kris, unter dessen Herrschaft Genova steht?"
Kris war leicht verstimmt. "Ja, das sagte ich doch. Und nachdem die Leute immer so reagieren, wollte ich mich auch erst nicht vorstellen. Das ist dann immer so ein Trara von wegen "Herr Graf hier" und "Herr Graf da"...
Sag doch bitte einfach Kris zu mir, ja? Wie heißt du denn nun?"
Shard war baff. "Äh, also ich heiße Shard... aber,... aber das kann nicht sein, du bist doch höchstens 30!"
"25 um genau zu sein! Macht das was?" "Nein, im Gegenteil!" Shard war richtig glücklich. Zusammen mit Kris trug er das versteinerte Mädchen zu der Kutsche, deren Kutscher mittlerweile schon ungeduldig wartete. Und gemeinsam brachen sie zu Kris' Burg auf.

Noch in der Kutsche lernten sie sich besser kennen.
“Sag mal, warum hast du eigentlich erst gar nicht angehalten?”, fragte Shard. “Nun, ich sah aus dem Fenster und entdeckte eine sich wild prügelnde Räuberhorde. Erst später merkte ich, dass die Räuber nicht auf sich selbst, sondern auf dich losgegangen sind, und da ich mir für dich allein keine große Gewinnchance ausgerechnet hatte, musste ich dir einfach helfen. Ich meine, wie klingt denn das: “Graf Kris, der edelmütige, fährt an einem Überfall vorbei und sieht einfach weg, als ob nichts wäre.” Das schadet doch meinem Ruf!” Er drehte sich zum hinteren Teil der Kutsche um, wo sie das versteinerte Magiermädchen verstaut hatten. “Übrigens: Wo hast du die kleine hier kennengelernt? Ne hübsche Freundin, um die ich dich richtig beneide!”, meinte Kris mit einem Schmunzeln. Shard war schlagartig rot wie eine Tomate. “Hey, ... Moment mal! Das... das is überhaupt nicht meine Freundin! Sie hat sich bloß eingemischt, als ich von den Räubern überfallen wurde! Ich kenne sie ja nicht mal!” Mit einem süffisanten Grinsen meinte Kris: “Oha! Dann ist sie also noch zu haben?” Aber gleich darauf wurde er wieder ernst, denn nicht weit vor der Kutsche tauchten schon die ersten Zinnen seiner Burg auf.
“Am besten, wir tragen sie gleich zu unserem Hofmagier. Der wird ihr sicher helfen können. Bin ja mal gespannt was sie uns zu erzählen hat...” Shard nickte nur. Er war noch immer vollkommen erschöpft von dem Kampf und Schuldgefühle bedrückten ihn. Er hoffte, dass man dem Mädchen helfen konnte. Er verstand zwar nicht viel von Magie, aber dass es nicht gut um sie stand, dass war dann doch klar erkennbar.

Als die Kutsche in den langgestreckten Vorhof einfuhr, kamen sofort alle Menschen aus ihren Häusern gestürzt und liefen neben der Kutsche her. Viele jubelten, weil sie ihren Grafen gesund wiederhatten, aber einige machten auch besorgte Gesichter. Ein Diener öffnete schließlich vor dem Schloss die Kutschtür und die beiden stiegen aus. Kris wollte eigentlich sofort ins Schloss, überlegte es sich dann aber anders und während sich Shard, dem der ganze Rummel ein wenig peinlich war, und der es unter allen Umständen vermeiden wollte, im Rampenlicht zu stehen, heimlich zur Burg schlich, drehte sich Kris zu der Menschenmenge um. Er hob beschwichtigend die Hände, und Augenblicklich wurde es still. “Bürger von Genova!”, begann er seine Ansprache. “Wie ihr wisst war ich unterwegs zur Grafschaft Derryl, die uns den Krieg erklärt hat.” Shard fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Krieg? So schnell? Gestern Abend hatte er keine Zeit mehr gehabt sich die Anschläge am öffentlichen Stadtbrett anzusehen, er war ja mit Kofferpacken beschäftigt gewesen. Aber dass es nun so schnell ging?... Graf Kris sprach weiter:” Und wie ihr auch wisst, wollte ich Graf Derryl überreden, den Streit friedlich beizulegen, doch...” Hier machte Kris eine kleine Pause. Er dachte zurück an die zähen Verhandlungen schon so früh heute Morgen. Derryl hatte zum Schluss einen hochroten Kopf aufgehabt und ihn seiner Grafschaft verwiesen. “Derryl bestand auf den Krieg. So leid es mir tut euch dies sagen zu müssen. Da unsere Beiden Grafschaften annähernd gleich groß sind, und sämtliche umliegende Grafschaften, die ich um Hilfe gebeten hatte, sich dezent raushalten wollen, wird es kein leichter Kampf. Wir werden nun alle uns zur Verfügung stehenden Mittel in den kommenden Krieg investieren müssen. Das heißt, jeder von uns wird höchstwahrscheinlich seinen Lebensstandard hinunter setzen müssen. Natürlich nur vorübergehend”, fügte er schnell hinzu. “Ich denke, dass wir mit ein bisschen Glück Derryl in der ersten Schlacht gleich so vernichtend schlagen werden, dass er dann vorläufig auf weitere Kriegshandlungen verzichten wird. Dafür... “, wandte er sich jetzt direkt an die Bevölkerung”.. brauche ich eure Unterstützung. Kann ich auf euch zählen?” Und mit einem Schlag entlud sich die ganze bis daher aufgestaute Wut der Bürger in lautem Brüllen. “Na, die können was erleben!” “Genau, die machen wir nieder!” Kris lächelte, als er merkte, dass seine gesamte Grafschaft wieder einmal geschlossen hinter ihm stand. Erneut hob er die Arme und trotz der so eben noch vor Wut brüllenden Menge, legte sich schlagartig wieder Stille über den kleinen Platz vor seinem Schloss. “Ich danke euch allen für eure Unterstützung. Sämtliche Einzelheiten erfahrt ihr noch bei Zeiten von mir, doch jetzt muss ich dringend weiter, da mich wichtige Geschäfte rufen.” Und unter lautem Jubel betraten er und Shard, gefolgt von einigen verdutzt dreinschauenden Dienern, die das versteinerte Mädchen tragen mussten, das Schloss.

Ein bläulich schimmerndes Licht erfüllte das kleine Gästezimmer, in dem sich Shard und Kris, sowie der eilends herbeigerufene Hofmagier befanden, wobei letzterer langsam die Geduld verlor. ”Herr Graf! Das ist nun der fünfte Entsteinerungszauber! Viele kann ich ihnen jetzt aber nicht mehr anbieten!” Kris war ebenfalls ratlos. Bisher hatte keiner der Zauber dem Mädchen geholfen, es lag immer noch regungslos auf dem kleinen Bett, auf das die Diener sie schon vor mehr als einer halben Stunde gelegt hatten. Kris zweifelte keineswegs an der Kompetenz seines Hofmagiers. Er war stolz darauf, einen der wenigen Magier, die es überhaupt noch gab gefunden zu haben. Dass dieser sein Angebot, bei Hofe zu arbeiten, stante pede angenommen hatte war für ihn wie ein Wunder gewesen. Mit der Zeit war er ihm ein guter Gehilfe und Weggefährte geworden. Vor ein paar Jahren noch hatte es viele gegeben, die die Gabe besessen hatten, Zauberer oder Hexe zu werden, doch unglücklicherweise starben die alten Magier aus, meist ohne Erben zu hinterlassen und diese Fähigkeit war rasch Seltenheit geworden.
“Einen einzigen Zauber habe ich noch”, drängte sich der Hofmagier in Kris Gedanken. “Wenn der auch keine Wirkung zeigt, kann ich dem Mädchen leider nicht helfen!”
“Schon gut”, meinte Kris. “Ich sehe ja, sie tun, was sie können.” Mit einem Kopfnicken wendete sich der Zauberer wieder dem Mädchen zu und erneut begann ein von seinen Händen auszugehen scheinender Schimmer den Raum zu erleuchten. Zunächst tat sich gar nichts, doch dann schien das Licht direkt in ihren Körper zu fließen und breitete sich von der Brust her aus bis in die Zehen. Mit einem Ruck riss das Mädchen die Augen auf.
“Mann, hab ich einen Kohldampf! Ich fühl mich, als hätte ich seit Stunden nichts mehr gegessen! Und... mein Mund is völlig ausgetrocknet! ICH HAB DURST! Und was steht ihr hier eigentlich so blöd rum?” Kaum aufgewacht ergoss sich schon ein Redeschwall über die Umstehenden. Kris nahm seine Verpflichtungen als Gastgeber wahr und begann: “Herzlich willkommen auf meiner Burg. Ich bin...” Weiter kam er nicht. “Mann! Is das da hinten wirklich ne Schlachtplatte? ZU MIR!!!” Sprachs und stürzte zu dem kleinen Tischchen. Kris, der es als nicht sinnvoll erachtete sich dem leeren Bett weiter vorzustellen, bereute es mittlerweile schon fast, dass er seinen Dienern aufgetragen hatte, für die sicher erschöpfte junge Dame eine Kleinigkeit zurecht zu machen. Shard nahm dem verdutzten Kris das Wort ab. “Hey, wie heißt du eigentlich?”, wollte er wissen. “Mmpfemi”, kam postwendend die Antwort des kauenden Mädchens. Shard sah Kris an. “Was schaust du so böse? Sie hat sich den Namen sicher nicht ausgesucht! Ich wollte eigentlich auch ganz anders heißen, aber meine Eltern...” Der Stuhl, der ihm nun an den Kopf flog schmetterte ihn an die nächstbeste Wand. Kris, der den Stuhl geworfen hatte ging wütend zu dem Mädchen hin, riss ihr die Wurst aus der Hand und brüllte:” Du kannst also essen! Aha! Schön! Du kannst auch andere Leute ignorieren! Auch schön! Aber könntest du vielleicht denjenigen, die dir gerade das Leben gerettet haben, sagen wie du heißt?” Das Mädchen, dass mit immer größer werdenden Augen dagesessen hatte brauchte ein Weilchen, um das zu verdauen. Wortwörtlich, denn sie schluckte noch den letzten Bissen hinunter, bevor sie sagte: “Ähm,... Verzeihung. Tut mir echt leid, ich bin sonst nicht so!” Allein ihr Blick verriet das Gegenteil. “Ich heiße Ivy. Und wer seid ihr eigentlich? Das letzte woran ich mich erinnern kann ist, dass irgendein richtig mächtiger Magier mich überrumpelt und ausgeschaltet haben muss...” Shard legte ihr, nachdem sich alle vorgestellt hatten, den wahren Sachverhalt dar und entschuldigte sich bei der Gelegenheit gleich ausgiebig.
Ivy erzählte, dass sie in Tristaja, dass ja auch der Grafschaft von Derryl unterstand, als Tochter eines berühmten Magiers geboren worden war. Graf Derryl, der davon Wind bekommen hatte und in ihr eine exzellente Magierin vermutete, wollte sie für sich anwerben. Doch sie durchschaute seine finsteren Machenschaften recht schnell und als ihr Vater starb und Derryl nun seine Chance gekommen sah, sie auf seine Burg bringen zu lassen, war sie schlichtweg geflohen. Von da an hatte sie sich geschworen für die Gerechtigkeit einzutreten und damit begonnen Handelsreisenden zu helfen, die von Räubern überfallen wurden. Zumindest so lange, bis sie auf Shard traf.
Doch als sie an diesem Punkt angelangt war, räusperte sich Kris plötzlich. “Meine Herren? ... Meine Dame,” fügte er, wieder ganz Gentleman, hinzu, “Ich muss euch leider jetzt verlassen. Ich habe einen Krieg vorzubereiten.” Shard wandte sich an ihn: “ Falls sie es wünschen, Herr Graf,...” Ein weiterer Stuhl unterbrach ihn. “...Au!... Ich meine natürlich: Kris... werde ich mit in die Schlacht ziehen. Ich bin ein guter Schwertkämpfer wie du gesehen hast und könnte dir vielleicht behilflich sein.” Kris antwortete nach leichtem zögern.” Ich werde über dein Angebot nachdenken. Doch rate ich dir, dich erst hier häuslich einzurichten, denn solltest du an deinem Angebot festhalten, wirst du noch ein Weilchen auf dieser Burg verbringen müssen. Meine Diener werden dir ein Zimmer bereiten.” Er verabschiedete sich von Ivy und Shard, wobei letzterer sich auch hastig verabschieden musste, da auch schon ein Diener sein Reisegepäck genommen hatte und mit den Worten “Wenn sie mir bitte folgen wollen...” aus dem Zimmer gegangen war. In seinem Zimmer angekommen legte sich Shard auf das Bett und dachte nochmal über die Ereignisse des heutigen Tages nach. Das Abendessen ließ er an diesem Tag ausfallen, da er, als die Diener kamen, um ihn abzuholen, schon tief und fest schlief.

Mitten in der Nacht wurde Shard durch ein zaghaftes Klopfen an der Türe geweckt.” Herr Shard? Sind sie wach?” Es war einer der Diener, dessen Kopf nun vorsichtig durch den Türspalt lugte. “Seh ich so aus?”, fragte Shard leicht ungehalten zurück. Der Diener musterte ihn kurz und meinte schlechtweg “Ja.”, bevor er ihn mit den Worten “Der Herr Graf möchte sie sprechen.” sanft aber bestimmt aus dem Zimmer hinüber zu Kris’ Gemächern schob. Dort angekommen wartete zu Shard’s Überraschung auch schon Ivy, die wie Kris auch einen besorgten Gesichtsausdruck nicht vollständig verbergen konnte. “So, da wir nun vollzählig sind, möchte ich euch gerne um etwas bitten.”, begann Kris. Man merkte ihm an, dass es ihm unangenehm war über das Thema zu reden. “Wie ihr wisst, steht ein Krieg mit Graf Derryl schon unmittelbar bevor, deshalb duldet die Sache keinen Aufschub. Meine Spione,... äh,.. Freunde in Derryls Burg haben mir berichtet, dass er schon am nächsten Tag ausrücken möchte. Als Kriegsherr meiner Grafschaft kann ich den wahrlich sinnlosen Tod, der so viele meiner Bürger in dieser Schlacht ereilen würde, nicht riskieren. Ich habe also vor heute Nacht...” Nun senkte er die Stimme zu einem Flüstern.”... bei Derryl einzubrechen, und ihn zur Vernunft zu bringen. Notfalls auch mit Gewalt!”, betonte er ausdrücklich.” Da ich alleine nicht viel ausrichten könnte und mein Heer viel zu schnell auffallen würde, habe ich mir überlegt, dass ich mit einem exzellenten Schwertkämpfer wie dir, Shard, und einer so großartigen Magierin wie dir, Ivy, vielleicht noch eine Chance hätte...” Shard ahnte dunkel, worauf das Ganze hinauslief und beendete Kris Gedankengang selbst:” Aha! Verstehe! Du möchtest, dass wir dir beibringen, wie man gut schwetkämpft und zaubert, ja?”, was zur Folge hatte, dass Shard nun schon den Dritten Stuhl am Kopf hatte. “Danke, aber ich bin mit meiner Schwertkämpferischen Leistung durchaus zufrieden!” schnauzte Kris Shard an. Jetzt mischte sich Ivy ein: “Du erwartest allen Ernstes von uns, dass wir mit dir unter Einsatz unseres Lebens in die Burg des Tyrannen Derryl eindringen, eventuell gegen ihn kämpfen und dabei womöglich den ‘glorreichen Heldentod sterben’ sollen? Das erwartest du allen Ernstes von uns?” Shard rappelte sich hoch “Au ja, klingt gut!”, brachte er noch heraus, bevor eine Karaffe Wasser, die Blumenvase und eine Porzellanschüssel ihn erneut niederstreckten. Kris beruhigte sich langsam wieder. “Ich kann euch natürlich nicht dazu zwingen, das ist klar. Ich kann euch nur inständig darum bitten, um das Wohl meines Volkes Willen!” Bei dieser Formulierung klingelten Glöckchen in Ivys Gehirn. “Ja, der Gerechtigkeit zu liebe werde ich dich natürlich unterstützen, und dass Shard mitkommt, ist natürlich selbstverständlich, stimmt’s?”, fragte sie während sie sich zu ihm umdrehte. “Ach wirklich? Ist das so klar? Mal überlegen...” Lange zu überlegen brauchte er nicht, denn Ivy, die ihn gerade in den Schwitzkasten genommen hatte, überzeugte ihn restlos. Und so sah man kurz nach Mitternacht drei vermummte Gestalten aus Kris Burg schleichen und eine schon bereitgestellte Kutsche besteigen, die dann nahezu geräuschlos in das Dunkel des angrenzenden Waldes Richtung Abadon aufbrach.

“Na, bitte! Läuft doch bestens soweit!”, meinte Kris. Unsere drei Helden standen regungslos angeschmiegt an die dunkle, kalte Burgmauer des Grafen Derryl. Bisher waren sie nicht entdeckt worden. Sie hatten sich ohne Probleme bis zum Burgraben vorgetastet, immer im Schutz der kleinen Büsche, die Dank des angrenzenden Waldes bis direkt an den Burggraben heranreichten. Dort angekommen, war Ivy mit einem Schwebezauber über das kaum bewegte, dunkle Gewässer geflogen und hatte auf der anderen Seite ein Seil befestigt, so, dass Shard und Kris problemlos auf die andere Seite gelangen konnten. “Ach ja?”, fragte Shard. Er stand triefnass zwischen den beiden und war schon eine Ewigkeit damit beschäftigt, seine Kleider auszuwringen. Er hatte es prompt geschafft während des Hinüberkletterns so vor sich hin zu träumen, dass er schließlich auf einmal schlicht und einfach am Seil vorbeigefasst hatte. Und während Shard am untergehen war und Kris nur betete, dass die Anwohner alle auf Methadon waren und sein Geschrei einfach nicht hörten, hatte Ivy Mitleid gehabt und ihn unter Aufbietung all ihrer Kräfte aus dem Burggraben gezogen. Aber so wie es aussah wurden seine Gebete sogar erhört. Noch immer war es friedlich still in der Burg, und so tasteten sie sich, auf der Suche nach einem Eingang, langsam weiter die Schlossmauer entlang.

“Das gibt’s doch nicht!” Ein Hauch von Ärger schwang in Kris’ Stimme mit. Um genauer zu sein: er war richtig sauer.
“Jetzt sind wir einmal um das ganze Schloss herumgegangen und haben noch immer nichts gefunden! Da ist es ja fast einfacher aus meinem Gefängnis aus- als hier einzubrechen!” “Hey, jetzt beruhige dich erst mal! Wir finden schon einen Weg da rein.”, tröstete ihn Ivy. “hey?”, mischte sich da Shard ein. “Wisst ihr,... ich hab nachgedacht und...” den beiden anderen klappte die Kinnlade herunter. Shard und denken? Erst jetzt fiel ihnen ein, dass der Ballon, auf dem Shard’s Haare wuchsen, ja schließlich auch zu etwas gut sein musste.
Shard sah von einem zum Anderen. “Äh,... was schaut ihr so?... Ich dachte nur: wozu kann Ivy eigentlich fliegen? Sie könnte doch mit einem Seil...” Weiter brauchte er nicht zu reden. Während Kris Ivy einen bösen ‘Da-hättest-du-aber-auch-selbst-draufkommen-können-Blick’ zuwarf und sie mit hochrotem Kopf versuchte im Boden zu versinken, was ihr aber nicht so recht gelingen wollte, hatte Shard schon das Seil, mit dem sie bereits vorhin über den Burggraben gekommen waren, ausgepackt und deutete auf eine Zinne auf dem Dach der Burg. “Da oben könntest du das Seil festbinden, glaub’ ich...”, meinte Shard, doch noch im selben Moment hatte Ivy es ihm auch schon aus der Hand gerissen und war über der Burgmauer verschwunden. Shard und Kris sahen sich für einen Moment an und zuckten beide kaum merklich mit den Schultern, als Shard auch schon das Ende des Seils auf den Kopf bekam. “Au! Hey, warum immer ich?...”, moserte er vor sich hin, während er vorsichtig begann das Seil hochzuklettern.

Auf dem Dach angekommen meinte Kris: “So weit, so gut. Passt auf. Wir sehen uns jetzt auf dem Dach um, ob es irgendwo eine Möglichkeit gibt in das Schloss einzusteigen. Ivy, du gehst in Richtung Burggraben und suchst dort, Shard, du gehst geradeaus über die kleinen Dächer und ich werde versuchen in der anderen Richtung etwas zu finden. Derjenige, der etwas findet, rudert wie wild mit den Armen, damit nicht durch lautes Gebrüll die Anwohner aus dem Bett fallen, klar? Alles soweit verstanden? Noch irgendwelche Fragen? ...” Er sah Shard an. “Äh,... ja, was kostet das?...” Verzweifelt sah sich Kris nach einem Stuhl um. Da im Moment keiner in Reichweite war, begnügte er sich damit, Shard eine saubere Kopfnuss zu verpassen. “Also los!”, meinte Kris, sich seine Hand reibend. “Viel Glück!”
Hätte eine Wache in diesem Moment auf das Dach gesehen, so hätte sie sich wahrscheinlich verwundert am Kopf gekratzt, denn diese drei Gestalten, die stolpernd über das Dach rutschten, sahen nicht gerade wie professionelle Einbrecher aus. Shard war derjenige, der ein offenes Dachfenster entdeckte. Wie vereinbart fuchtelte er wie wild in der Gegend herum. Nach einer Weile hörte er auf, denn es kam einfach keiner. Er spähte in die Dunkelheit. Kein Kris? Keine Ivy? Wo waren die beiden bloß? “Hm,... vielleicht haben sie sich verlaufen?...”, dachte er, verwarf den Gedanken aber gleich wieder und ersetzte ihn durch ‘...vielleicht sind sie vom Dach gesegelt?...’, was er natürlich nicht hoffte, wobei er aber auf diese Formulierung schon recht stolz war. Er fragte sich, ob es wohl was helfen würde, wenn er zur Sicherheit noch ein bisschen weiter fuchtelte. Als er gerade wieder anfing, wie wild mit seinen Armen zu rudern, prallte seine Hand hinter ihm auf etwas Hartes. Erschrocken drehte er sich um und sah direkt in Kris’ Augen, der sich mit einer Hand die Backe hielt. Die andere Hand war soeben damit beschäftigt Shard wieder eine zu schmieren. “Sag mal! Was denkst du dir eigentlich dabei?”, fuhr Kris Shard an. “Bist du denn jetzt von allen guten Geistern verlassen, du Grobmotoriker ???” Ivy, die soeben hinter den beiden aufgetaucht war, mahnte zur Ruhe. Shard einen bösen Blick zuwerfend, stieg Kris vorsichtig in die Burg ein, dicht gefolgt von einer leicht angenervten Ivy und einem schwer angeschlagenen Shard.

Leise schlichen sie durch die Säle des finsteren Schlosses, ständig auf der Hut vor Derryls Wachen. Zwei Mal wären sie fast erwischt worden und waren verständlicherweise schon vollkommen mit den Nerven runter. Noch immer auf der Suche nach dem Grafen hatten sie nun schon so viele Zimmer abgeklappert, dass eigentlich nur noch der Thronsaal in Frage kam. Trotz allem war es verwunderlich, dass das Schloss wie ausgestorben wirkte, obwohl Derryl doch angeblich noch in dieser Nacht mit seinen Rittern aufbrechen wollte. Kris führte die beiden mehr schlecht als recht (fast wären sie direkt durch das Wachzimmer der Garde gelaufen!) zum Thronsaal, dessen Lage er von den Verhandlungen noch dunkel in Erinnerung hatte. Die Tür stand offen und Licht brannte auch in dem riesigen Saal. Während sie sich langsam und vorsichtig durch den Raum schlichen, musterte Ivy aufmerksam die Gemälde an den Wänden. Sie zeigten wohl alle Vorfahren von Graf Derryl...
Fieser Gesichtsausdruck, viel zu protzig gekleidet... ja, es waren eindeutig seine Vorfahren! Doch eine Stimme riss sie plötzlich aus ihren Gedanken.
“Ach, Graf Kris! Mit ihnen hab ich ja überhaupt nicht gerechnet! Und ihre Leibgarde haben sie auch mitgebracht!” Wie aus dem Nichts war Derryl vor ihnen aufgetaucht. Und als wäre das nicht genug, fielen in diesem Moment die beiden großen Türflügel der schweren Thronsaaltür ins Schloss und hinter jeder der Säulen des Saals erschienen urplötzlich die Ritter von Graf Derryl. Sie saßen in der Falle!

Rücken an Rücken drängten sich unsere drei Helden in der Mitte des Thronsaals zusammen, während sich der Kreis von Derryls Söldnern um sie immer enger zusammenzog. “Das sieht dir ähnlich!”, brüllte Kris. “Deine Leute vorschicken, um dir selbst nicht die Finger schmutzig machen zu müssen!” Mit einem kurzen Blick wägte er ihre Fluchtchancen ab. Er ließ es sofort wieder bleiben, denn sie standen nahezu bei null.
“Tja,.. ihr werdet es vielleicht gar nicht erwarten, aber nicht meine Leute, sondern ich selbst werde euer Gegner sein!” Mit diesen Worten und einer harschen Handbewegung brachte er seine Soldaten dazu, sich einer nach dem anderen aus dem Saal zu entfernen. Mit großen Augen verfolgte Ivy die Ritter, bis der letzte aus dem Saal verschwunden war und sich erneut hinter ihnen die Flügeltüren schlossen. “Also, jetzt versteh ich gar nichts mehr”, meinte Shard. “Warum gehen die denn alle? Is etwa schon Feierabend?” Vollkommen perplex und mit offenem Mund starrte Derryl Kris an, der soeben mit einem lauten Schrei eins der wertvollen Bilder von der Wand gerissen hatte und nun ohne Reue und dafür mit wachsender Begeisterung auf Shard einprügelte. Dass er plötzlich abrupt damit aufhörte, freute Shard. Als er den Grund für Kris’ plötzliches Innehalten erkannte, freute er sich nicht mehr. Derryl hatte sich nämlich mit einem wütenden Brüllen aufgebäumt und schlagartig bildete sich eine pechschwarze Aura um seinen gesamten Körper. Shard, Ivy und Kris wichen zurück. Derryl schwebte nun wenige Zentimeter über dem Boden und brüllte hämisch zu ihnen hinüber. “Damit habt ihr nicht gerechnet, was? Nun kommt schon! Greift mich an, wenn ihr euch traut!” Ivy schrie auf. “Ein Dämon! Er... er ist ein Dämon!”

“Gut beobachtet!”, meinte Derryl und brach erneut in diabolisches Lachen aus.
Doch sofort wurde er wieder ernst. “So. Und jetzt ist Schluss mit Spielchen! Ich werde euch nun ein für alle Mal von dieser Erde fegen!” Er verschränkte die Arme vor seinem Körper und ein schwarzer Ball bildete sich, den er mit einer fast abwertend leichten Bewegung ihnen entgegen schleuderte. “In Deckung!”, brüllte Shard und die drei warfen sich auf die Seite, um der tödlichen Magie zu entgehen. Ivy sprang sofort wieder todesmutig auf und schleuderte Derryl einen Zauber entgegen. Shard bemerkte ein vertrautes Blitzen und schon schoss Ivy’s Versteinerungszauber auf Derryl zu. Doch dieser berührte seinen Körper nicht einmal. Als er bei Derryl ankam, machte dieser eine kleine Bewegung mit seiner Hand und die schwarze Aura, die ihn umgab saugte den Lichtblitz mit einem Schlag vollkommen in sich auf. Entsetzt schrie Ivy auf. Da stürmte auch schon Shard mit erhobenem Schwert auf Derryl zu. Er sprang hoch in die Luft, um sein Schwert in einem einzigen todbringenden Streich auf Derryl herunterfahren zu lassen, doch noch während er sich in der Luft befand, grinste Derryl gehässig und streckte seine Hand in Shard’s Richtung.
Ein dunkler Wind fuhr aus Derryl’s Hand und warf Shard am anderen Ende des Raums gegen die Flügeltüren, bei denen er benommen liegenblieb. “Hört auf! Das ist sinnlos!”, schrie Kris verzweifelt seinen beiden Mitstreitern zu. “Ivy, du bist zu schwach und Shard kann mit seinem Schwert nichts gegen diese Magie ausrichten!” Doch Ivy rief zurück: “Vielleicht stehen unsere Chancen nicht besonders gut, aber was mich betrifft kämpfe ich für meinen Retter bis zum bitteren Ende, wenn es sein muss!” Schon war sie wieder aufgesprungen und murmelte einen neuen Zauberspruch. Aus ihrer hohlen Hand brach auf einmal ein Feuerball, der nun direkt auf Derryl zuschoss. Doch dieser lachte erneut und schnippte nur mit seinen Fingern. Die neblige Aura um ihn verdichtete sich schlagartig. Der Feuerball prallte an der Aura ab und wurde zurückgeschleudert. Das geschah so schnell, dass Ivy keine Zeit fand, sich aus der Schusslinie zu werfen und der Feuerball traf sie mit voller Wucht. Sie wurde von dem Aufprall zurückgeschleudert und blieb regungslos liegen. “Ivy!”, brüllte Kris entsetzt. “Das war aber eine schwache Vorstellung!”, rief Derryl. “Tja, dann wird für deine Arme Zauberin wohl jetzt der Vorhang fallen, was?” Und mit einem grausamen Lachen zog er sein Schwert und schwebte langsam auf die bewusstlose Ivy zu.

“Nein. Das wird er nicht.” Kris war vollkommen ruhig aufgestanden und trat nun zwischen Ivy und Derryl. Dieser stoppte mitten in der Luft, da ihn das ruhige auftreten seines Gegenüber etwas stutzig machte. “Ah, ich verstehe! Du willst dich für sie opfern? Tja, sehr ritterlich von dir, aber ich werde euch trotzdem beide töten!”
“DAS TUST DU NICHT!!!” Mit einem lauten Schrei hatte Kris seinen ganzen Körper angespannt und der Boden um ihn herum war plötzlich wie von allein mit einem schwarzen Muster überzogen und die Energie, die davon ausging, ließ Kris’ Mantel und Haare flattern, als würde ein Sturm aus dem Boden heraus wüten. Derryl, der aus Furcht vor der unerwarteten Macht an die Decke seines Thronsaals zurückgewichen war, bemerkte mit Schrecken, dass das Muster, das sich rund um Kris auf dem Boden gebildet hatte, ein riesiger Bannkreis war, wie ihn früher nur die dunkelsten der Schwarzmagier benutzten. Kris, der seine Augen vor Anstrengung geschlossen hatte, brüllte:” Ich werde dir beibringen, nie wieder auf unschuldige Menschen loszugehen!” Mit diesen Worten öffnete er seine Augen, fixierte Derryl und zog beide Hände seitlich an seinen Körper. Blitze zuckten rund um ihn und mit einem Schrei entlud sich seine ganze Wut und ein schwarzer Strahl brach aus seinen Händen hervor, den er Derryl nun mit all seiner Kraft entgegenschleuderte. Dieser war vor Schreck so gelähmt, dass er nur noch ein Keuchen hervorbrachte: “Das... das kann nicht sein!”, bevor ihn der Strahl erfasste und gegen die Decke des Thronsaals schleuderte.

Shard, der Ivy soeben wieder zu Bewusstsein gebracht hatte, verfolgte voll Ehrfurcht, wie Kris Derryl den unter schwarzen Magiern berühmten Dark Slave entgegenschleuderte. Staunend sah er mit an, wie Derryl erst gegen die Decke gedrückt wurde und dann mit einem lauten Krachen auf dem Boden seines Thronsaals aufschlug. Voll Furcht blickte er zu Kris auf, der noch schwer atmend und voller Zorn zu Derryl hinübersah. “Lauft.”, flüsterte er. Shard sah ihn mit großen Augen an. “Ich sagte : L A U F T !!!” Noch bevor Shard begriff, was nun los war, hatte Ivy ihn schon gepackt und war mit Hilfe ihres Schwebezaubers mit ihm durch das splitternde Glasfenster an der Rückseite des Saals entkommen. Kris sah sie im fahlen Mondlicht verschwinden. Es war ihm nur wichtig, dass seine beiden Gefährten weit genug weg waren, alles andere interessierte ihn nicht mehr. Er gang langsam auf den sich schwerfällig aufrappelnden Derryl zu. “Ich... ich mach dich alle!... Ich mach euch alle alle!”, brüllte Derryl mit vor Wut verzerrtem Gesicht, doch Kris war schneller. Er begann einen Zauberspruch aufzusagen. Eine Formel aus uralten Zeiten. Und während er sprach verdunkelte sich der Himmel vollkommen und alle Lichter im Saal gingen aus.
“O Herr der schwarzen Dunkelheit!
Erhöre mich, es ist an der Zeit!
Hilf mir jetzt in meiner Not,
Und säe mit mir Zerstörung und Tod!
ETERNAL DARKNESS ! “
Und während er die letzten dieser Worte in die Nacht hinausschrie, hatte sich eine schwarze Kugel um seine Hand gebildet, die er nun mit voller Wucht in den Boden rammte. Schlagartig dehnte sich die Kugel aus und das letzte, was Kris sah waren Derryls weit aufgerissene Augen, in denen sich bereits der Tod wiederspiegelte.
Von weitem konnten Shard und Ivy sehen, wie die schwarze Kugel, die selbst in dieser totalen Finsternis, die nun herrschte, weit herauszuleuchten schien, sich immer weiter ausbreitete und alles verschlang, was ihr in den Weg kam. Die Erde bebte noch in Kilometern Entfernung, so gewaltig war die Explosion. Nach und nach verblasste die Kugel und die Finsternis lichtete sich. Sogar der Vollmond, der noch immer friedlich am Himmel stand kam wieder hervor und enthüllte ein Bild des Grauens: Dort, wo vorher die Burg von Graf Derryl und ein Teil der angrenzenden Wälder gestanden hatte, war nun nur noch ein verkohlter Krater geblieben, in dem sich, da konnte man sich sicher sein, kein lebendiges Wesen mehr befand. Und ohne noch einen Blick zurückzuwerfen flogen Ivy und Shard in den nächtlichen Himmel.


The Sworddancer - A new beginning
(Für alle, denen das Ende nicht gefallen hat)

Den ganzen Flug über sprachen sie kein Wort. Erst als Ivy sanft auf der Wiese vor Kris’ Schloss landete, fand Shard als erster seine Sprache wieder. “Und nun?”, fragte er. “Was wollen wir hier eigentlich noch? Du glaubst doch nicht wirklich, dass Kris diese Explosion überlebt hat,
oder?” Als Antwort erhielt er eine saubere Backpfeife. “Wie kannst du nur so etwas sagen? Natürlich hat er überlebt! Etwas anderes wage ich
gar nicht zu denken!” Shard rieb sich die schmerzende Wange. “Ja, also,... wenn du das glaubst, dann... wird’s ja wohl so sein.” Shard kam
dabei nicht wirklich überzeugend rüber. Schweigend betraten sie das Schloss. Dort wurden sie sofort vom kompletten Hofstaat umringt, die alle wie wild auf sie einredeten, bis Shard der Kragen platzte. “Ruhe!”, donnerte er und es wurde still. “Ich glaube, es gibt hier etwas, was ihr wissen solltet...”, begann er, wurde aber sofort vom Hofmagier unterbrochen. “Aber nicht hier. Lasst uns in den kleinen Sitzungssaal gehen, da redet es sich leichter.” Als alle im Sitzungssaal platz genommen hatten, stand Ivy auf und begann zu erzählen, was sich in der letzten Nacht zugetragen hatte.
Als sie mit ihrer Erzählung fertig war, wurde es plötzlich sehr still in dem kleinen Saal. Nur leises Schluchzen der Kammerdienerinnen war noch zu hören. In allen Gesichtern stand noch Entsetzen und Ungläubigkeit geschrieben. Konnte Kris wirklich tot sein? Nach einer Weile stand der Hofmagier auf. “Ich denke, das Beste ist, heute Abend einen Abschiedsball für ihn zu geben. Das ist das Mindeste, was wir jetzt für ihn tun können. “Wie könnt ihr nur?”, schrie Ivy empört auf. “Ihr Graf ist soeben ... Ihr könnt doch nicht einfach fröhlich feiern, während ihr Graf...” Sie brach nun schon zweiten Mal mitten im Satz ab. Ungläubig starrte sie in die Runde. Alle senkten betreten die Köpfe. “Er... er hätte das so gewollt”, murmelte der Hofmagier leise, wie um sich zu entschuldigen und verließ dann schweigend den Raum.

Es wurde ein rauschendes Fest, obwohl natürlich keinem so recht nach feiern zumute war. Aber zu später Stunde hatten dann doch eigentlich fast alle Leute dem Wein recht gut zugesprochen, und so wurde getanzt und gelacht und man vergaß alles um sich herum. Auch Shard, der sichtlich nicht mehr nüchtern war, erzählte laut und breit jedem, der es hören wollte, welche Heldentaten er schon alle vollbracht hatte. Dass manche dieser Geschichten schon fast zu offensichtlich erschwindelt waren, störte dabei keinen. Als das Fest gerade in vollem Gange war, trat Ivy auf den Balkon und sah in die sternenklare Nacht hinaus. Sie dachte noch einmal über die Ereignisse der letzten Nacht nach. Dass sich Kris für sie geopfert hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Und die Bürger dieser Grafschaft, tanzten, tranken und feierten seelenruhig, als ob nichts passiert wäre. In ihr stieg das Verlangen, all diesen Leuten den Rücken zu kehren und abzuhauen. Doch dann besann sie sich eines Besseren. Weglaufen wäre der falsche Weg. Damit würde sie nichts erreichen. Aufrütteln - ja, das wollte sie! Sie wollte den Leuten klar machen, was sie von der ganzen Sache hielt. Oh, ja! Jetzt sollten sie sie mal kennenlernen! Wutentbrannt stieg sie auf das große Podest mit dem Essensgong. Und ohne noch lange zu zögern, schlug sie so kräftig sie konnte dagegen. Ein dröhnender Ton breitete sich quer durch den Raum aus und ließ sowohl die Musik, als auch sämtliche Gäste in diesem Raum verstummen. Nun war ihre Chance gekommen. Sie holte tief Luft und begann mit ihrem Donnerwetter:
“Amüsiert ihr euch auch gut? Fein! Wie schön für euch! Aber keiner, und wenn ich sage keiner, dann meine ich auch KEINER, von euch verschwendet auch nur einen Gedanken an euren Grafen! War er denn wirklich so schrecklich, dass ihr euch jetzt mit einem Fest darüber freut, dass ihr ihn los seid? Ja?” Der Hofmagier trat ihr entgegen. “Ivy, ich habe dir bereits gesagt, es wäre nur in seinem Sinne gewesen...” “IN SEINEM SINNE? Dass ihr nicht eine Schweigeminute einlegt? Dass ihr nicht für den Bruchteil einer Sekunde an ihn denkt? Das wäre in seinem Sinne? Ihr habt wohl alle ein Rad ab?” Ivy war bereits purpurrot im Gesicht. “Aber, Ivy! Versuch doch zu verstehen...” Und wieder wurde er von Ivys Redeschwall unterbrochen. “Er hat sich für EUCH geopfert! Für euch und für niemanden sonst! Er hat Derryl selbst angegriffen, damit ihr euer Leben nicht in einer sinnlosen Schlacht vergeuden müsst!” Nun begannen die Ballgäste einer nach dem Anderen die Köpfe zu senken und zustimmend zu murmeln. “Die Frau hat recht!”, schrie jemand. “Ja, sie hat uns die Augen geöffnet!”, ein anderer. “Lasst uns unserem Grafen also einen würdevollen Abgang bescheren!”
“Was ist denn hier los?”, fragte plötzlich eine durchdringende Stimme. Schlagartig herrschte wieder Ruhe. Wo kam diese Stimme her?
“Ach, ich verstehe! Eine Feier zu Ehren des toten Graf Kris, wenn ich mich nicht irre.” Erschrocken blickten sich alle um. Während Ivy sich in Rage geredet hatte, war jemand unbemerkt durch das Fenster auf der anderen Seite des Raumes geklettert und stand nun mit wehendem schwarzen Umhang auf dem Fenstersims. Sein zerrissenes Hemd und seine schwarze Hose, die nur noch in Fetzen an ihm hingen, sowie das schwarze Tuch, das er sich vors Gesicht gebunden hatte, ließen die Gäste zurückweichen. Der Fremde redete weiter und noch während er sprach sprang er leichtfüßig vom Fenstersims und ging auf die entsetzten Ballbesucher zu. “Jaja,... eine große Party. Stimmt, das wäre genau in seinem Sinne gewesen... tja, dann bin ich mal froh, dass ich wenigstens zur Party noch rechtzeitig gekommen bin. Ich hatte eigentlich fest damit gerechnet, sogar meine eigene Beerdigung zu verpassen!” Und mit diesen Worten riss er sich das Tuch vom Gesicht. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Denn kein geringerer als Graf Kris stand nun wieder leibhaftig vor ihnen!
Nun gab es kein Halten mehr. Alle Menschen in diesem Saal, egal wie betrunken sie auch gewesen sein mochten waren mit einem Schlag wieder nüchtern. Sie sprangen auf und alle liefen auf ihren Grafen zu, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass sie nicht träumten. Nun wurde das Fest erst richtig zum Fest. Neue Weinfässer wurden hereingerollt und die Köche heizten noch mal die noch glimmenden Öfen an, um ein Festmahl anzurichten, wie es seit Jahren nicht mehr gesehen ward. An Schlaf war in dieser Nacht nun nicht mehr zu denken, es wurde gefeiert und getanzt, bis in die frühen Morgenstunden.
Kris nahm Shard und Ivy beiseite. “Hey, ihr hättet ruhig auf mich warten können! Jetzt musste ich den ganzen Weg zu Fuß gehen!”, meinte er lächelnd. Während ihm Ivy um den Hals fiel konterte Shard: “Und du hättest uns ruhig sagen können, dass du ein so mächtiger Schwarzmagier bist!” “Tja, weißt du...”, meinte Kris, “Es ist immer besser unter- als überschätzt zu werden, hm?” “Ja und was hast du jetzt als nächstes vor?”, wollte Ivy wissen, die noch immer in seinen Armen lag. “Och, mal schauen... erst mal wieder Ordnung in dieses verschlafene Nest bringen, dann neue Verhandlungen mit Derryls Grafschaft aufnehmen und zu guter letzt...”, meinte er mit einem Augenzwinkern,” ...ein bisschen die Weltherrschaft an mich reißen?” Und der laue Sommerwind trug ihr Gelächter weit hinaus, an den Wäldern der Grafschaft vorbei, bis hin an den Horizont, an dem bereits still und friedlich die Sonne aufging.
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The Sworddancer
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